Die schweigende Wolke

Das Restaurant war ziemlich voll – Frauen, Männer, Geschäftsleute, Pärchen, Freunde, Freundinnen, die einen netten Abend beim guten Essen miteinander verbrachten. Manche saßen eng zusammen, Händchen haltend, das Kerzenlicht tanzte auf ihrem Gesicht. Tische mit Stoffservietten und weißen Tischdecken, edles Besteck, eine Kerze auf jedem Tisch – im Restaurant herrschte gedämpftes Licht. Leise Jazzmusik tönte aus den Lautsprechern – ein stimmungsvolles Ambiente.

Auch sie saßen hier – ein Pärchen unter vielen, das schon seit langen Jahren zusammenlebte. Es war ihr Lieblingslokal – geschmackvoll eingerichtet, mit köstlichen Speisen und Getränken. Hier fühlten sie sich wohl, auch wenn viele Menschen um sie herum saßen. Sie konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als er ihr einen Antrag machte. Es geschah vor ein Paar Jahren und es überraschte sie. Zu heiraten war es nicht wichtig für sie – für sie beide nicht, ursprünglich. Sie wollten ohnehin zusammenbleiben, doch das Gefühl des Gebundenseins machte ihr Angst. Er versprach ihr Sicherheit, doch gab diese irgendwo wirklich? Was ist schon sicher? Jeder neue Tag kann etwas bringen, das die Mauer der Sicherheit einstürzen lässt. Niemand konnte wissen, wer sie wirklich war, was sie fühlte, was in ihr vorging. Auch er nicht. Brauchte er sie, weil er sie liebte, oder liebte er sie, weil er sie brauchte …? 

Sie wollte ihm diese Frage nicht stellen, sie hatte Angst, dass er sich verspricht und sich dann schnell korrigiert – doch wenn das geschieht, dann war die Wahrheit bereits ausgesprochen, die Würfel gefallen. Dann gab es kein zurück, dann müsste sie damit leben und seine Worte immer wieder in Gedanken hören. Sie fragte ihn nicht und seinen Antrag nahm sie auch nicht an. Er steckte den Ring damals wieder ein – ob er ihn aufgehoben hat … für später vielleicht …? Oder für eine Andere, für die Nächste, die ihm nicht Nein sagen würde …

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Photo: © Sunelly Sims

Sie sah sich um, sie sagte nichts – auch er schwieg. Hatten sie sich denn nichts mehr zu sagen, nach all den Jahren? Es schien ihr so befremdlich hier zu sitzen und sich gegenseitig anzuschweigen. Sie war bedrückt, sie wusste etwas, was ihm noch nicht bekannt war. Etwas, das sie hinter sich bringen wollte, weil die Geheimnistuerei sie erdrückte. Sie wollte ihn nicht kränken, sie suchte schon seit Tagen nach den richtigen Worten. Wie sollte sie anfangen – sie musste den ersten Schritt machen. Er tat ihr leid, doch sie dachte an ihren Entschluss. Auch sie litt, aber das merkte er nicht. Vielleicht wollte er es bloß nicht sehen, er wollte es nicht spüren – doch es hing in der Luft. Schwer und unausgesprochen, wie eine große Wolke, die den Blick auf die Sonne versperrte. Ein großer Schatten, der für die Kühle sorgte, die zwischen ihnen herrschte. Es war die Bequemlichkeit, die sich breitmachte, alte Gewohnheiten, die sie nicht aufgeben wollten.

Die Stunden vergingen und sie brachte es wieder einmal nicht übers Herz, ihm die Mitteilung zu machen, die sie endlich loswerden wollte. So blieb alles beim Alten. Nach dem Abendessen gingen sie wieder heim, und als sie schlafen ging, fragte sie sich selbst: Brauche ich ihn, weil ich ihn liebe, oder liebe ich ihn, weil ich ihn brauche …? Und das Schlimmste war, sie wusste es nicht einmal. War das noch Liebe …? Wenn man es nicht mal mehr wusste, ob man noch liebte …? Überlegungen und Zweifel, Bequemlichkeit und Gewohnheit bahnten ihren Weg weiter in ihrem Herzen, in ihren Gedanken – sie litt und er merkte es nicht. Die schweigende Wolke über sie, wie ein Damoklesschwert, das ihn verletzen wird, wenn sie sich eines Tages ganz sicher ist, dass sie ihn nicht mehr liebt.


© Sunelly Sims


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