Der rote Lippenstift und die Einsamkeit

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Photo by Suat Eman

„Meine Bücher hole ich später ab – leb´ wohl!“ – stand in großen Lettern auf dem Badezimmerspiegel, geschrieben mit einem roten Lippenstift. Er starrte auf die Schrift – ja, die Farbe, die mochte sie, er konnte sich gut an das Rot ihrer Lippen erinnern. Rot ist die Farbe der Liebe – sagt man. Doch wo war die Liebe? Das Einzige, was ihm blieb, war die rote Schrift. Er wischte den Spiegel nicht ab, denn er wusste, er brauchte diese Worte noch für ein Paar Tage, bis er wirklich glaubte, dass ihm außer der roten Schrift von ihr, nichts geblieben war.

Welche Farbe hat die Einsamkeit?

Die Einsamkeit, die ihn aus dem Spiegel höhnisch anblickte. Als hätte sie zu ihm gesagt: So, das hast du jetzt davon! Du hast doch von Anfang an gewusst, dass sie dich eines Tages … Siehst du, auch sie wollte dich nicht. Du hast ihr nicht vertraut, so hat sie jetzt das Weite gesucht. Die Liebe braucht Vertrauen und keine grundlose Eifersucht. Die macht doch alles kaputt. Jetzt hast du es …! Was muss noch geschehen, damit du es begreifst …?

Er stand noch eine Weile vor dem Spiegel im Badezimmer. Sein eigenes Gesicht gefiel ihm nicht, seine glühenden Augen, wie besessen vor Eifersucht. Sogar jetzt, wo er wusste, dass sie ihn verlassen hatte –  sie gab ihm keine Chance. Er hätte schon genug Chancen bekommen, meinte sie, es würde sich nichts ändern – sie wusste es besser. Er hasste sich selbst, er hasste die Eifersucht, die von ihm Besitz nahm, als wäre er ihr Sklave. Er tat, was sie ihm zuflüsterte – diese widerwärtige, fiese Stimme. Er überprüfte, kontrollierte, er begleitete, dann die ständigen Anrufe – er ließ sie nie alleine. Er war wie ein Spürhund und ein Bodyguard – er spürte sie überall auf und er schirmte sie ab. Er kaufte ihr viele Geschenke, auch den teueren roten Lippenstift.

Doch das Schicksal sah nicht länger zu, wie sie immer mehr erstickte – sie bekam wegen seiner großen Fürsorge und grundloser Eifersucht keine Luft. Die ständige Kontrolle und die Verdächtigungen, sie hätte einen Anderen, ließen ihre Liebe sterben. So war die Liebe tot, nur die Schrift auf seinem Spiegel leuchtete noch – in Rot. Das Rot, das für ihn zur Farbe der Einsamkeit wurde.

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© Sunelly Sims

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